Selbst kommerzielle Anbieter bewerben sich um Sendezeiten beim alternativen Radiosender 88vier.
Im Feld des nicht-kommerziellen privaten Rundfunks gibt es neues Konfliktpotenzial, gleichzeitig aber auch die Chance für umfassende Kooperation. Grund ist die erste Neuausschreibung für den Mischkanal 88vier, die Anfang März zu Ende ging. Unter den 12 Sendezeit-Anträgen, die bei der Medienanstalt Berlin-Brandenburg (mabb) eingegangen sind, ist auch einer von der Plattform für regionale Musikwirtschaft GmbH, dem Träger des in mehreren Städten aktiven kommerziellen Senders Motor FM.
Das birgt Strittiges, denn die Schaffung von 88vier letztes Jahr (siehe Sprachrohr 3/2010) sollte laut mabb ein wegweisendes Modell für den nicht-kommerziellen Rundfunk bringen. Auf dem – übrigens berlin-weit kaum zu empfangenden – Mischkanal soll neben einem Ausschnitt aus dem Programm des ganztägig per Kabel hörbaren und von der mabb geführten Offenen Kanals Alex außerdem Platz für Freie Gruppen mit eigenen Lizenzen sein.
Warum kommt nun eine GmbH für einen nicht-kommerziellen Kanal in Frage? Steffen Meyer von der mabb erklärt, 88vier sei auch für die »Erprobung neuer Formate« geschaffen worden. Er sähe es als »perfektes Modell« an, wenn kommerzielle Sender neue Sendungen bei 88vier erfolgreich testeten und danach übernähmen. Die Plattform-GmbH will konkret vier Stunden werktags eine auf die Modewelt aus- gerichtete Sendung namens »Catwalk Radio« testen.
Derzeit haben neben Alex fünf »88vier-Partner« eigene Sendelizenzen. Sie sind Konglomerate von Redaktionsgruppen und Einzelpersonen, die verschiedenste Sendungen machen. Pi Radio repräsentiert dabei am stärksten diejenigen, die für ein eigenes Freies Radio kämpf(t)en. Eine ähnliche Ausrichtung hat Reboot.Fm, unter dessen Dach sich zur Zeit auch Gruppen organisieren, die früher zusammen mit Pi-Radio-Gruppen temporär erlaubte Radiosender gestalteten. Beide Verbünde beschweren sich stark über die ihnen derzeit gewährten nur knappen und späten Sendezeiten: je zwei Mal pro Woche von 20 bis 6 Uhr.
Dem aktuellen Antrag auf Sendezeit von Pi Radio – nach eigenen Angaben Dach für rund 50 Redaktionen und seit Herbst Mitglied im bundesweiten Bund Freier Radios – ist ein Offener Brief beigefügt, der verschiedene Strukturreformen vorschlägt (siehe www.piradio.de). Eine davon lautet: »Wir bitten den Medienrat, auf der 88vier einen Community-Radio-Bereich einzurichten von täglich 17 Uhr bis 24 Uhr, den die dort senden wollenden Gruppen eigenständig verwalten können.« Mit einem solchen Format kann sich Steffen Meyer durchaus anfreunden: »Eine zusammenhängende Gruppe wäre mir lieb.« Das würde allerdings von einer Zulassung der GmbH erschwert. »Es gibt nicht wenige von uns, die dann nur noch eine eigene Frequenz akzeptieren würden«, erklärt Paul Motikat, Sprecher von Pi Radio. Bei seinen Leuten war 88vier sowieso nie beliebt, da sie keinen Einfluss auf die Gesamterscheinung des Mischkanals haben. Verschlimmernd kommt hinzu, dass die mabb im ersten Jahr die von ihr selbst aufgestellten Qualitätskriterien nicht befolgte – also nicht ihnen gemäß die Sendezeit neu verteilte. Während andere Gruppen durch zum Teil reine Musikrotation und sogar Sendungswiederholungen unattraktiveres Radio machen, stehen bei Pi Radio und Reboot.Fm sendewillige Leute Schlange, so der Vorwurf.
Motikat hat nun Angst vor einem weiteren Qualitäts- und Imageverlust. »Man darf nicht vergessen, dass es der mabb immer um ein Gesamtkonzept 88vier geht«, mahnt er, und entgegnet Meyer: »Wenn diese Testsendungen nicht erfolgreich sind, dann haben wir alles andere als ein ›perfektes Modell‹.« Die mabb überließ 88vier eine Frequenz, die ob ihrer geringen Empfangbarkeit ohnehin kaum jemand sonst gewollt hätte. Wenn sie jetzt auch noch bezüglich des 88vier-Programms nicht Transparenz- und Qualitätskriterien anlegt, wird die Medienanstalt selbst es sein, die dem Ruf des Nichtkommerziellen Privaten Rundfunks am meisten schadet.
(Ralf Hutter)
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Quelle: https://medien-kunst-industrie-bb.verdi.de/sprachrohr/data/SPR_02_2011.pdf